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Am Rande des Lichts… Teil II

Der Regen tropfte schwer von den Zinnen, als sie den Gang hinabschritt. Wasser rann in dünnen Fäden über das dunkle Mauerwerk und sammelte sich in kleinen Pfützen auf den alten Steinen.

Drei Männer warteten dort.
Sie standen schweigend im Licht der Fackeln, so selbstverständlich, als hätten sie schon immer an diesem Ort gestanden.

Sie ließ den Blick über sie gleiten. Einer stand unbeweglich wie ein Fels, sein Schweigen voller Gewissheit. Der zweite empfing sie mit einem kaum sichtbaren Nicken, als wüsste er längst, warum sie gekommen war. Der dritte ließ ein schiefes Grinsen aufblitzen, das die angespannte Luft für einen Moment durchbrach.

Drei Gefährten, die ihr näher waren als Worte, die man niemals laut aussprechen konnte.

„Es ist soweit“, begann sie schließlich. Ihre Stimme war fest, auch wenn die Kälte bis tief in ihre Knochen kroch.
„Unsere Mission ist klar. Wir schützen Shan’A’Dera. Wir wahren Shedir. Koste es, was es wolle.“

Ein kurzer Blick genügte, und sie wusste, dass die Schwere dieser Worte verstanden worden war.

„Der Weg führt uns zuerst nach Port Sigra. Von dort weiter nach Hadrik. Zur Esse.“

Sie ließ einen Moment verstreichen und sah jeden von ihnen einzeln an.

„Ihr geht mit mir. Nicht, weil ich es befehle. Sondern weil ich weiß, dass ich niemand anderem trauen kann.“

Keine Fragen folgten. Keine Zweifel.
Nur drei Männer, die sich zum Aufbruch bereit machten, so wie sie es schon unzählige Male zuvor getan hatten.

Der Regen begleitete sie hinaus in die Nacht.

Tagelang führte ihr Weg durch aufgeweichte Pfade, über kalte Ebenen und durch Wälder, in denen der Wind zwischen den Ästen heulte. Nächte ohne Feuer, Schritte im Schlamm, der schwere Geruch von nasser Erde.

Erst nach langer Reise änderte sich die Luft.

Salz lag plötzlich im Wind.

Als sie die letzten Hügel überquerten, breitete sich vor ihnen Port Sigra aus. Rauch stieg zwischen den Häusern auf, Masten ragten aus dem Hafen wie ein Wald aus dunklem Holz, und der Geruch von Fisch, Teer und nassem Tauwerk lag über den engen Gassen. Die Hafenstadt war ein Moloch aus Handel und Heimlichkeiten.

Am Rand der Docks wartete ein Mann mit schmalem Gesicht und zu vielen Ringen an den Fingern.

Ein Schmuggler.
Ein alter Kontakt ihres Vaters.

Sein Blick glitt prüfend über die Gruppe, bis er schließlich an ihr hängen blieb. Seine Augen weiteten sich einen Moment.

„Bei allen Geistern“, murmelte er. „Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Wie geht es ihm?“

Für einen Augenblick schwieg sie.

Ihre Gedanken glitten zurück zu einem Bild, das schmerzte.

Dann antwortete sie knapp und ruhig.

„Er geht seinen Weg. Wie er es immer getan hat.“

Mehr sagte sie nicht.

Der Schmuggler nickte langsam und stellte keine weiteren Fragen.

Er führte sie durch eine Reihe enger Gassen zu einem unscheinbaren Lagerhaus aus dunklem Holz und Stein. Von außen wirkte es verlassen, doch im Inneren verbarg es mehr, als es zeigte.

Dort fanden sie für eine Nacht Schutz.

Karten wurden ausgebreitet.
Vorräte gezählt.
Waffen überprüft.

Einer fluchte leise über rostige Klingen. Ein anderer prüfte die wenigen Rationen, die ihnen für den Weg bleiben würden. Der dritte saß still über der Karte und zeichnete mit dem Finger alte Pfade nach, die nur wenige Reisende noch kannten.

Am nächsten Morgen stand alles bereit.

Vor ihnen lag der lange Weg nach Hadrik.
Zur Esse.
Zur brennenden Hauptstadt im Herzen des Berges.

Sie zog den Mantel enger um die Schultern und warf einen letzten Blick auf die grauen Mauern von Port Sigra.

Dann wandte sie sich vom Hafen ab.

Und wusste, dass die wahre Prüfung erst begann.

Der Weg nach Hadrik war kein Pfad, den man leicht beschritt. Wochen lagen hinter ihnen. Regen, Schlamm und kalte Nächte ohne Feuer, in denen nur das ferne Heulen des Windes ihre Stimmen begleitete. Ebenen, die sich endlos streckten. Berge, deren Schatten selbst am Tag dunkel blieben.

Einer der Männer ging stets voraus. Still und unbeirrbar, ein Bollwerk gegen Müdigkeit und Zweifel. Ein anderer trug die Karten bei sich und prüfte immer wieder die Richtung, wenn Nebel die Welt verschlang und selbst der Horizont verschwand. Der dritte fluchte leise über jedes Hindernis auf dem Weg. Doch in seinen Worten lag keine Klage. Nur Leben, das sich gegen das Schweigen der Reise stemmte.

Als sie schließlich das Hoheitsgebiet von Sigra hinter sich ließen, veränderte sich die Luft.

Der Wind trug den metallischen Geruch von Schmieden. In der Ferne hallte das dumpfe Donnern von Hämmern auf Ambossen durch die Täler. Rauchschwaden zogen über graue Hänge, und irgendwo am Horizont glühte ein rotes Leuchten wie ein schlagendes Herz aus Erz.

Hadrik.
Earnan.
Die Esse.

Die Hauptstadt der Zwerge erhob sich vor ihnen wie ein Koloss aus Stein und Flamme. Türme aus geschmolzenem Metall ragten aus dem Fels. Gewaltige Tore waren in den Berg geschmiedet, durchzogen von Adern aus Gold und Schwarzstahl. Zwischen den Mauern glomm ein rotes Licht, als würde die Stadt selbst atmen.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten die vier das Haupttor.

Zwei Wachen standen davor, schwer gepanzert, ihre Helme vom Schein der Schmiedelampen erhellt. Das Licht flackerte über Stahl und Bartgeflecht.

Eine der Wachen hob die Hand.

„Halt.“

Die andere musterte die Gruppe mit misstrauischem Blick.

„Niemand betritt Earnan ohne Zweck und Wort. Was führt euch in die Esse?“

Áinfean trat einen Schritt vor. Regen tropfte von ihrem Mantel und rann über den Stein zu ihren Füßen. Doch sie hob das Kinn, und in ihrer Stimme lag das Gewicht von etwas Größerem.

„Ich bringe Botschaft von Feuer und Asche.“

Ein dumpfes Schweigen folgte.

Die beiden Wachen wechselten einen Blick. Das harte Misstrauen in ihren Gesichtern wich langsam einem Ausdruck des Erkennens.

„Feuer… und Asche?“ wiederholte der ältere von ihnen. Seine Stimme hatte sich verändert. Nicht mehr abweisend, sondern ehrfürchtig.

„Bei den Flammen von Earnan… Ihr sprecht im Namen des Feuerbruders?“

Áinfean antwortete nicht.

Sie musste es nicht.

Das goldene Licht der Schmiedelampen spiegelte sich in ihren Augen, und für einen Augenblick schien selbst der Wind vor den Toren des Berges zu schweigen.

Die Wachen traten zur Seite. Mit schwerem Knarren öffnete sich das gewaltige Tor, seine uralten Scharniere stöhnten unter dem Gewicht der Jahrhunderte.

„Tretet ein“, sagte der ältere Zwerg.

„Der Funken des Feuerbruders ist hier noch nicht erloschen. Und wer seine Botschaft trägt, ist in Earnan willkommen.“

Die vier Gestalten traten durch das Tor in das glühende Herz der Stadt.

Über ihnen loderte das Feuer der Schmieden. Um sie herum hallten Hämmer, Ambosse und tiefe Glockenschläge durch die Hallen des Berges.

In der Esse atmete die Erde selbst.

Und Áinfean wusste, dass ihre Mission hier erst begann.


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