Du sitzt am Feuer.
Nicht an irgendeinem Feuer.
Du weißt das, noch bevor du die Flammen wirklich erkennst.
Es ist niedrig, ruhig, beinahe erschöpft. Kein Lagerfeuer, das wärmt. Kein Herdfeuer, das nährt. Kein Signalfeuer, das ruft.
Ein Bundfeuer.
Der Boden um dich herum ist dunkel von alter Asche. Manche Stellen wirken, als hätten dort schon einmal Füße gestanden. Viele Füße. Ein Kreis. Vielleicht ein Schwur. Vielleicht ein Abschied.
Du bist allein.
Und doch fühlt sich dieses Alleinsein vertraut an.
Als hättest du schon einmal hier gesessen.
Als hättest du schon einmal Holz nachgelegt.
Als hättest du schon einmal gewacht, während andere schliefen.
Als hättest du schon einmal geglaubt, dass es genügt.
Das Feuer knackt.
Ein Funke steigt auf.
Für einen Augenblick siehst du darin eine Mauer.
Nicht aus Stein.
Aus Licht. Aus Macht. Aus Atem. Aus Wille.
Dann ist das Bild fort.

Gegenüber von dir sitzt jemand.
Du weißt nicht, wann die Gestalt gekommen ist.
Sie trägt einen dunklen Mantel. Die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen. Dort, wo ein Gesicht sein müsste, liegt nur Schatten.
Sie streckt die Hände zum Feuer aus, als könnte sie Wärme empfinden.
Lange sagt sie nichts.
Dann spricht sie.
„Du hast lange gebraucht, um wieder hierherzufinden.“
Die Stimme ist leise.
Nicht alt.
Nicht jung.
Nicht männlich.
Nicht weiblich.
Sie klingt wie etwas, das gelernt hat, Stimmen zu benutzen.
Du willst antworten, aber die Worte bleiben dir im Hals stecken.
Die Gestalt neigt den Kopf.
„Noch immer erkennst du es nicht ganz. Das ist gut. Der Kreis war sauberer, als ich dachte.“
Das Feuer wird kleiner.
Nicht dunkler.
Kleiner.
Als würde jemand die Welt darum herum enger ziehen.
„Sie haben dir Erinnerungen gelassen wie Splitter unter der Haut. Nicht genug, um zu wissen. Nur genug, um zu bluten, wenn du etwas berührst, das schon einmal war.“
Ein Holzscheit bricht in der Glut.
Für einen Atemzug hörst du Schreie.
Dann wieder nur Feuer.
Die Gestalt beugt sich vor.
„Regressor.“
Das Wort fällt nicht laut.
Aber es trifft dich, als hätte es einen Namen gefunden, den du selbst nicht kanntest.
„So nennen wir, was nicht weitergehen durfte. Was zurückgeworfen wurde. Was noch einmal an denselben Anfang gestellt wurde, weil selbst die alten Flammen uns fürchteten.“
Die Flammen ziehen sich zusammen.
Im Inneren des Feuers siehst du etwas.
Eine gewaltige Gestalt, größer als Berge, kniend in einem Himmel ohne Himmel. Nicht lebendig. Nicht wirklich dort. Nur ein Nachhall. Ein Abdruck. Eine Erinnerung an etwas, das schon lange vergangen ist.
Aus Rissen in dieser Erinnerung strömt Licht, nicht hell und rein, sondern schwer, rotgolden, wie ein letzter Atem, der nie ganz aus der Welt gewichen ist.
Die Gestalt am Feuer spricht weiter.
„Damals habt ihr nicht gesiegt.“
Die Worte sind ruhig.
Fast freundlich.
„Damals habt ihr nur überlebt, weil ein Lira’Sriyan vor seinem Ende etwas in die Welt legte.“
Das Bild im Feuer verändert sich.
Der Lira’Sriyan hebt den Kopf.
Sein Mund öffnet sich.
Du hörst keinen Schrei.
Nur einen Atemzug.
Einen letzten.
Und dieser Atemzug wird zu einem Kreis.
Der Kreis wird zu einem Zeichen.
Das Zeichen wird zu einer Schwelle.
Die Schwelle wird zu einem Augenblick, der sich weigert, weiterzugehen.
Dann reißt alles zurück.
Asche steigt nicht auf.
Sie fällt nach unten.
Funken fliegen nicht davon.
Sie kehren ins Feuer zurück.
Stimmen sprechen rückwärts.
Schritte gehen zurück in ihre eigenen Spuren.
Und irgendwo, weit entfernt, schließt sich eine Mauer, die noch gar nicht geöffnet sein dürfte.
Die vermummte Gestalt sieht dich an.
Oder du spürst, dass sie es tut.
„Der letzte Kreis“, sagt sie beinahe spöttisch. „Kein Sieg. Kein Wunder. Nur ein Ankerpunkt, tief geschlagen in den Leib der Zeit. Ein gebundener Augenblick vor der Öffnung der Mauer. Wenn wir je zurückkehren sollten, würde die Welt nicht weiterbrechen.“
Eine Pause.
„Sie würde zurückgerissen werden.“
Das Wort Ankerpunkt fühlt sich schwer an.
Nicht wie ein Begriff.
Wie ein Nagel in der Wirklichkeit.
„Du spürst es, nicht wahr?“
Das Feuer knackt.
„Dinge, die du nicht wissen kannst. Wege, die du nie gegangen bist. Gesichter, die dir vertraut sind, obwohl sie dir zum ersten Mal begegnen. Entscheidungen, die dir schwer auf der Brust liegen, bevor sie überhaupt getroffen wurden.“
Die Gestalt legt den Kopf schief.
„Du nennst es Ahnung. Traum. Gefühl. Vielleicht Schicksal.“
Eine Pause.
„Wir nennen es Schaden.“
Das Bundfeuer flackert.
Plötzlich sitzt du nicht mehr allein mit ihr.
Um das Feuer herum stehen Schatten.
Menschen.
Vielleicht Gefährten. Vielleicht jene, die damals bei dir waren. Vielleicht jene, die diesmal bei dir sein werden.
Ihre Gesichter sind undeutlich.
Aber du hörst sie atmen.
Dann geht einer der Schatten in Flammen auf.
Nicht schreiend.
Lautlos.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter.
Die Gestalt bleibt reglos.
„Du hast das Feuer gehütet“, sagt sie. „Du hast dich gekümmert. Du hast gewacht. Du hast getan, was du konntest.“
Die Stimme wird weicher.
Und gerade das macht sie schlimmer.
„Und dennoch hat es nicht gereicht.“
Das Feuer sinkt tiefer.
Du siehst nun nicht mehr Holz darin.
Sondern Hände.
Hände, die nach dir greifen.
Hände, die sich an dich klammern.
Hände, die loslassen mussten.
„Sag mir, Regressor: Wenn du wirklich zurückgeworfen wurdest, warum?“
Die Gestalt hebt eine Hand.
Ein einzelner Funke löst sich aus der Glut und bleibt zwischen euch in der Luft stehen.
„Weil du wichtig bist?“
Der Funke wird kleiner.
„Weil du erwählt bist?“
Er flackert.
„Oder weil du der Punkt warst, an dem alles brach?“
Die Frage bleibt hängen.
Nicht in der Luft.
In dir.
Dann verändert sich das Feuer.
Es brennt nun schwarz.
Nicht wie Kohle.
Nicht wie Rauch.
Wie eine Flamme, die Licht verschluckt.
Aus der Kapuze der Gestalt öffnet sich langsam ein Auge.

Nicht dort, wo ein Auge sein sollte.
Sondern tiefer.
Als wäre die Kapuze nur ein Loch, durch das etwas anderes in diese Welt sieht.
„Wir hätten dich übersehen können“, flüstert die Gestalt.
„Aber du hast wieder am Feuer gesessen.“
Die Schatten um dich herum beugen sich vor.
Alle zugleich.
„Du bist ein Riss im zweiten Versuch.“
Das Auge wird größer.
„Und Risse kann man weiten.“
Plötzlich hörst du das Bundfeuer sprechen.
Nicht mit einer Stimme.
Mit vielen.
Sie kommen aus der Glut, aus der Asche, aus den Spuren im Boden.
Einige klingen vertraut.
Andere nicht.
Manche bitten.
Manche klagen.
Manche sagen nur deinen Namen.
Oder das, was dein Name einmal war.
Die vermummte Gestalt hebt eine Hand, und alle Stimmen verstummen.
„Du kannst sie retten“, sagt sie.
Ein Angebot.
Keine Drohung.
„Nicht alle. Das wäre eine Lüge. Aber einige. Die Richtigen vielleicht. Die, die dir wichtig sind.“
Das Feuer zeigt dir Bilder.
Eine Hand, die du rechtzeitig greifen könntest.
Eine Warnung, die du früher aussprechen könntest.
Ein Fehler, den du diesmal vermeiden könntest.
Ein Tod, der nicht geschehen müsste.
Dann zeigt es dir den Preis.
Nicht deutlich.
Nur als Gefühl.
Eine Tür, die geschlossen bleibt.
Ein Bund, der nie entsteht.
Ein Mensch, der dich nicht mehr erkennt.
Ein anderer, der an seiner Stelle fällt.
Die Gestalt flüstert:
„Zweiter Versuch. Zweite Schuld.“
Sie lehnt sich zurück.
„Du glaubst, Wiederholung schenkt Macht. Aber jeder, der noch einmal geht, trägt die Toten beider Wege.“
Das Auge in der Kapuze verengt sich.
„Und diesmal wirst du nicht wissen, welche Toten wirklich deine sind.“
Für einen Moment ist alles still.
Dann hörst du hinter dir einen Atemzug.
Alt.
Schwer.
Unendlich fern.
Nicht als Bild.
Nicht als Erinnerung.
Als etwas, das noch immer in der Welt liegt.
Ein Rest.
Ein Schutz.
Ein Widerstand.
Die vermummte Gestalt hört ihn auch.
Zum ersten Mal bewegt sie sich nicht wie ein Wesen, das alles weiß.
Sondern wie etwas, das sich erinnert, gehasst zu haben.
Der Atemzug streift das Bundfeuer.
Die schwarzen Flammen werden wieder rot.
Klein.
Schwach.
Aber echt.
Die Gestalt zischt leise.
Nicht aus Schmerz.
Aus Verachtung.
„Der letzte Kreis hält noch immer.“
Dann sieht sie dich wieder an.
„Aber jeder Kreis kann brechen.“
Das Feuer flackert.
Du spürst plötzlich, dass es nicht nur ein Feuer ist.
Es ist ein Punkt.
Ein Halt.
Ein Ort, an dem etwas gebunden wurde, damit die Welt nicht vollständig zurück in das Nichts fällt.
Und du hast dort schon einmal gesessen.
Vielleicht nicht mit klarer Erinnerung.
Aber mit derselben Müdigkeit in den Händen.
Mit derselben Verantwortung im Rücken.
Mit derselben Angst, dass niemand sonst wach bleibt.
Die Gestalt steht auf.
Sie wirkt größer, als sie sitzend wirkte.
Viel größer.
Der Mantel fällt nicht von ihr herab.
Er fällt nach innen.
Wie ein Himmel ohne Sterne.
„Hüte dein Feuer, Regressor.“
Die Stimme kommt nun von überall.
Aus der Glut.
Aus der Asche.
Aus den Schatten derer, die noch nicht gestorben sind.
Aus dem alten Atem, der euch schon einmal zurückriss.
„Hüte es gut.“
Die Gestalt beugt sich zu dir herab.
Zum ersten Mal glaubst du, unter der Kapuze ein Lächeln zu sehen.
„Denn diesmal wissen wir, wo wir suchen müssen.“

Dann greift sie mit zwei Fingern in das Bundfeuer.
Nicht, um es zu löschen.
Nur um etwas daraus zu nehmen.
Einen winzigen Funken.
Sie hält ihn zwischen den Fingern.
Er zittert.
Als wäre er lebendig.
„Beim letzten Mal hat uns der Kreis zurückgeworfen.“
Die Gestalt schließt die Hand um den Funken.
„Beim nächsten Mal nehmen wir euch den Atem zuerst.“
Das Feuer erlischt.
Nicht ganz.
Unter der Asche glimmt noch etwas.
Klein.
Verborgen.
Wartend.
Und aus der Dunkelheit hörst du ein letztes Flüstern:
„Einmal ist Gnade.
Zweimal ist Warnung.
Dreimal wird es keine Rückkehr geben.“
Als du erwachst, riechst du Rauch.
Und für einen Moment bist du dir sicher:
Irgendwo hat jemand deinen Platz am Feuer berührt.

