Der leere Stuhl

Du stehst vor dem Hafen von Sigra.

Du erkennst die Stadt sofort, obwohl sie anders aussieht als bei Tag. Kein Marktgeschrei erfüllt die Straßen.
Keine Musik, keine Rufe von den Kais. Die Schiffe liegen reglos im schwarzen Wasser, ihre Masten wie kahle Äste
gegen einen wolkenlosen Himmel.

Über der Stadt liegt Nacht.

Nicht feindlich.

Nicht leer.

Still.

Du gehst durch das offene Tor. Keine Wache hält dich auf. Erst als du den Marktplatz erreichst, siehst du sie.

Menschen stehen in den Hauseingängen. Händler. Fischer. Eine alte Frau mit einem Kind an der Hand.
Zwei Wachen ohne Banner.

Keiner spricht.

Alle sehen zum Grafenhaus.

Du folgst ihren Blicken.

Die Türen stehen offen.

Drinnen ist es dunkel.

Als du eintrittst, hörst du deine Schritte auf dem Steinboden. Der große Saal ist leer. Die Banner des Grafen hängen
schlaff von den Wänden. An einigen Stellen sind sie verbrannt. An anderen mit dunklen Flecken beschmutzt, die im Schatten
fast wie getrocknetes Blut wirken.

Am Ende des Saales stehen zwei Stühle.

Der eine ist groß, schwer und erhöht. Dunkles Holz, breite Armlehnen, ein Sitz, der dafür gemacht wurde,
dass andere zu ihm aufsehen müssen.

Der andere steht davor.

Schlichter.

Nicht kleiner aus Demut.

Sondern aus Zweck.

Daneben liegt ein Tisch. Darauf Schlüssel. Siegel. Schreiben. Listen. Ein geöffnetes Buch, dessen Seiten sich im Luftzug
bewegen, obwohl kein Fenster offen steht.

Du erkennst einzelne Worte.

Vorräte.

Wachen.

Schulden.

Namen.

Du verstehst nicht, warum du das siehst.

„Was ist das?“, fragst du.

Die Antwort kommt aus der Dunkelheit hinter dem zweiten Stuhl.

„Was zurückbleibt.“

Du drehst dich um.

Sie steht dort, wo der Schatten des Saales am tiefsten ist.

Nicht als Mensch.

Nicht ganz.

Ihr Körper scheint nur die Form zu sein, welche die Nacht angenommen hat, damit du sie ansehen kannst.
Ihr Gesicht ist weiblich, aber still wie schwarzer Stein. In ihren Augen glimmt kein Feuer.

Nur eine Tiefe, in der ferne Sterne vergehen.

Umbra.

Umbra im Saal von Sigra

Du weißt es, bevor sie einen Namen nennt.

„Was soll das bedeuten?“, fragst du.

Umbra hebt eine Hand.

Der große Stuhl am Ende des Saales zerfällt lautlos zu Staub.

Nicht das Holz.

Nicht der Stein um ihn herum.

Nur der Platz, den er einnahm.

Zurück bleibt der schlichte Stuhl vor dem Tisch.

„Wenn die, die herrschen wollten, gefallen sind“, sagt Umbra, „bleibt immer etwas zurück.“

Ihr Blick geht über die Schlüssel, die Listen und das offene Buch.

„Nicht Macht.“

Die Seiten schlagen um.

„Folgen.“

Du trittst näher.

Auf den Seiten stehen Namen. Menschen, die Schutz brauchen. Menschen, die Rechenschaft schulden.
Menschen, die zu viel gesehen haben. Menschen, die fortgehen wollen. Menschen, die niemanden mehr haben,
der für sie spricht.

Dann siehst du mehr.

Versorgungswege.

Wachenpläne.

Schulden.

Urteile, die nie gesprochen wurden.

Häuser, die wieder aufgebaut werden müssen.

„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragst du.

Umbra sieht dich an.

„Das weißt du noch nicht.“

Sie hebt erneut die Hand.

Der Saal verändert sich.

Du siehst Männer an einem Tisch sitzen und über Gold sprechen, während draußen Menschen hungern.
Du siehst Händler, die Preise treiben, weil sie wissen, dass die Not keine Wahl lässt.
Du siehst Wachen, die Befehle befolgen, obwohl sie wissen, dass sie falsch sind.

Du siehst Türen, die sich vor Hilfesuchenden schließen.

Du siehst Menschen, die den Blick senken, weil Wegsehen sicherer geworden ist als Wahrheit.

Dann zerbricht das Bild.

Nur der leere Saal bleibt.

Nur der Tisch.

Die Schlüssel.

Die Listen.

Der schlichte Stuhl.

„Diese Stadt hat genug Herren gehabt“, sagt Umbra.

Ihre Stimme ist leise.

Doch sie füllt den Saal, als spräche die Nacht selbst durch jede Wand.

„Sie braucht keinen weiteren.“

Du blickst auf das Stadtsiegel.

„Was braucht sie dann?“

Umbra tritt näher.

Die Dunkelheit um sie bewegt sich nicht gegen dich. Sie legt sich nur zwischen euch wie tiefer Nebel.

„Jemanden, der bleibt, wenn die anderen gefallen sind.“

Du sagst nichts.

„Jemanden, der ihre Türen bewacht, wenn der Kampf vorbei ist.“

Ihr Blick wandert zu den Listen.

„Jemanden, der entscheidet, wer Schutz braucht. Wer Rechenschaft schuldet. Wer nicht erneut über sie verfügen darf.“

Du blickst wieder auf den schlichten Stuhl.

Kein Platz für Ruhm.

Kein Platz für einen Sieger.

Ein Platz für jemanden, der trägt, was andere zurückgelassen haben.

„Warum ich?“, fragst du.

Umbra steht nun so nah, dass die Schatten hinter ihr keinen Anfang und kein Ende mehr zu haben scheinen.

„Weil du Macht nicht willst.“

Du spannst den Kiefer an.

„Du weißt nichts über mich.“

Zum ersten Mal verändert sich etwas in ihrem Gesicht.

Kein Lächeln.

Eher eine stille Erinnerung.

„Du gehst dorthin, wo andere weichen.“

Die Worte treffen dich härter, als sie sollten.

„Du bleibst stehen, wenn andere fliehen.“

Du willst antworten.

Doch sie spricht weiter.

„Du opferst dich, bevor jemand dich darum bitten muss.“

Für einen Moment siehst du Lethaien.

Die Mauern.

Die Menschen, die dir vertraut sind.

Sir Lucanito.

Amelie und Madeleine.

Ein Ort, den du schützt.

Dann verschwindet das Bild nicht.

Es tritt nur zurück.

„Pflicht ist kein Käfig, Leonas Balthasar“, sagt Umbra.

Ihre Hand löst sich vom Stadtsiegel.

„Manchmal ist sie ein Weg.“

Draußen bewegt sich etwas.

Du siehst durch die hohen Fenster auf den Platz vor dem Grafenhaus. Dort steht noch immer das Kind bei der alten Frau.
Es hält eine kleine Lampe in den Händen.

„Er brennt für uns“, flüstert eine Stimme.

Yediras Stimme.

Du drehst dich um.

Doch niemand ist da.

Nur die Lampe des Kindes wird heller.

Umbra sieht dich an.

„Du kennst diesen Satz.“

Du willst antworten, aber sie spricht weiter.

„Du weißt, was es heißt, wenn einer für andere brennt.“

Ihre Stimme wird nicht härter.

Nur leiser.

„Diese Stadt braucht niemanden, der für sie verbrennt.“

Sie deutet auf den Tisch, die Schlüssel, das Siegel und den leeren Stuhl.

„Sie braucht jemanden, der bleibt, wenn das Feuer vorbei ist.“

Du spürst einen dritten Herzschlag.

Nicht deinen.

Oder doch deinen, nur von weit her.

Ein Echo zwischen zwei Schlägen.

Dann hebt Umbra den Blick zur dunklen Tür des Saales.

„Doch keine Stadt wird frei, weil ein einzelner Mensch es beschließt.“

Im Türrahmen liegt nur Schatten.

Trotzdem glaubst du für einen Moment, eine Gestalt darin zu erkennen.

Einen Mann, vom Feuer gezeichnet.

Nicht als Herrscher.

Nicht als Retter.

Eher wie jemand, der zu lange getragen hat, was andere nicht tragen wollten.

Glut glimmt in der Schwärze seiner Gestalt. Sein Gesicht ist kaum zu erkennen. Nur ein Umriss aus Asche,
Hitze und etwas, das wie Schuld wirkt.

Eine feuergezeichnete Gestalt im Türrahmen

„Es gibt einen“, sagt Umbra, „bei dem der Kampf beginnt.“

Die Gestalt im Schatten bewegt sich nicht.

„Er trägt Feuer in sich. Nicht nur Wärme. Nicht nur Zorn.“

Ein schwaches Aufflackern läuft durch die Dunkelheit.

„Auch Schuld.“

Du willst fragen, wen sie meint.

Doch die Schatten nehmen die Gestalt bereits wieder an sich.

„Suche nicht nach einem Befehl“, sagt Umbra.

Der Saal wird still.

„Suche den, bei dem der Kampf beginnt.“

Ihre Hand ruht ein letztes Mal auf dem Stadtsiegel.

„Wenn er das Gift aus dieser Stadt reißt, wird jemand bleiben müssen, damit die Wunde nicht erneut verdirbt.“

Der Wind geht durch die offenen Fenster.

Die Lampe des Kindes brennt weiter.

Dann wachst du auf.