Dunkel

Du träumst von Dunkelheit.

Nicht von Nacht. Nicht von Schatten. Von etwas Tieferem.

Kalter Stein liegt unter deinen Füßen. Die Luft ist feucht und still. Der Geruch von Moder,
altem Wasser und Tod hängt schwer in dem endlosen Gewölbe. Es ist derselbe Ort, an dem du schon
einmal zwischen den Toten gegangen bist. Dieselbe Stille. Dieselbe Finsternis.

In deiner Hand brennt ein kleines Licht.

Es ist schwach, aber es genügt, um den ersten Leichnam zu sehen.

Du kniest dich nieder, hebst den Toten vorsichtig an und trägst ihn durch den Gang. Deine Schritte
hallen dumpf wider, bis du eine steinerne Schwelle erreichst, hinter der fahles Licht liegt.
Dort bettest du ihn ab, sprichst ein leises Gebet und drehst dich um.

Als du zurückkehrst, liegt er wieder an seinem Platz.

Du hältst inne.

Dann hebst du ihn erneut auf.

Wieder trägst du ihn hinaus. Wieder sprichst du dein Gebet. Wieder kehrst du um.

Und wieder liegt er dort.

Nun sind es zwei.

Du trägst auch den zweiten hinaus. Dann den ersten erneut. Dann einen dritten. Deine Arme werden
schwerer. Dein Atem geht flacher. Das kleine Licht in deiner Hand beginnt zu zittern, doch du gehst
weiter. Immer weiter.

Mit jedem Gang werden es mehr.

Die Toten liegen in Reihen, als hätte der Keller nie ein Ende gehabt. Männer, Frauen, Kinder.
Manche wirken friedlich. Manche, als hätten sie im letzten Augenblick noch nach etwas greifen wollen.
Und alle kehren zurück.

Dann siehst du sie.

Melissa.

Sie liegt auf dem kalten Stein, die Hände gefaltet, das Gesicht ruhig wie in jener Nacht,
in der sie nicht mehr erwachte.

Für einen Moment versagt dir der Atem.

„Grannan…“

Du kniest dich neben sie, nimmst sie behutsam auf und trägst sie hinaus, vorsichtiger als alle
anderen zuvor. Als würdest du glauben, dass es diesmal anders sein könnte. Als würde es diesmal genügen.

Du legst sie ins Licht.

„Vahás al-Ukhár“, flüsterst du heiser.

Als du dich umdrehst, liegt sie wieder dort.

Nicht mehr allein.

Neben ihr liegt eine kleinere Gestalt.

Zu klein. Zu still.

Du musst ihr Gesicht nicht sehen, um zu wissen, wer es ist.

Yedira.

Etwas in dir zieht sich zusammen.

Du gehst zu ihr, hebst sie auf, trägst sie hinaus. Dann Melissa. Dann Yedira wieder.
Dann andere. Dann wieder sie. Immer wieder. Deine Beine werden schwer. Deine Schultern schmerzen.
Dein Atem brennt. Doch jedes Mal, wenn du zurückkehrst, warten sie schon auf dich.

Und irgendwann merkst du, dass die Toten dich ansehen.

Nicht feindselig.

Nicht bittend.

Nur leer.

Als hätten sie längst verstanden, was du noch nicht begreifen willst.

Dann spricht eine Stimme aus der Finsternis.

Ruhig. Leise. Fast sanft.

„Du kannst sie immer wieder tragen, Leonas.“

Du drehst dich um, doch da ist nichts. Nur Dunkelheit.

„Du kannst ihnen Namen geben. Gebete. Tränen. Hoffnung.“

Das Licht in deiner Hand wird schwächer.

„Aber du bringst sie nicht zurück.“

Du willst widersprechen. Willst weitergehen. Willst dich bücken und Yedira erneut aufheben.

Doch deine Arme bewegen sich kaum noch.

„Du machst den Weg nur länger.“

Nun klingt die Stimme näher.

Nicht bedrohlich.

Erschöpft.

„Nicht jeder Verlust ist eine Prüfung. Nicht jede Wunde hat einen Sinn. Nicht jede Dunkelheit birgt ein Licht.“

Das kleine Licht in deiner Hand flackert.

Vor dir liegen Melissa und Yedira nebeneinander auf dem Stein. Hinter ihnen Reihen weiterer Toter.
Endlos. Wartend.

Dann siehst du am Ende des Ganges eine weitere Gestalt liegen.

Du selbst.

Reglos. Still. Die Hände leer.

Und die Stimme sagt:

„Wie oft willst du dich noch selbst hinabsteigen sehen, nur um etwas zu tragen, das niemals bleibt?“

Dein Licht verlischt.

Die Dunkelheit bleibt.

Und aus ihr kommt das letzte Flüstern:

„Es wäre leichter, es endlich gut sein zu lassen.“

Dann wachst du auf.