Shan’A’Dera hatte sie nicht willkommen geheißen.
Der Wald stand dicht um die Lichtung, auf der die Zarul ihr Lager errichteten. Keine Mauern schützten sie. Keine Hallen warteten auf ihre Rückkehr. Nur nasse Erde, schwarze Stämme und ein Himmel, der selbst am Tag kaum Licht durch das Blätterdach ließ.
Zelte wurden aufgeschlagen. Waffen geordnet. Banner in den Boden gerammt. Wachen bezogen Stellung zwischen den Bäumen, lautlos und aufmerksam. Das Heer sammelte sich, doch es sammelte sich nicht vollständig.
Seit dem Erwachen fehlten Brüder.
Zu viele.
Manche waren nicht zurückgekehrt. Andere hatten sich in den Tiefen Shan’A’Deras verloren. Einige antworteten nicht auf Rufe, Zeichen oder Befehle. Das Land selbst schien Wege zu verschlingen, Spuren zu verwischen und Erinnerungen falsch zurückzugeben.
Doch das war nicht wichtig.
Nicht jetzt.

In der Mitte der Lichtung standen Ira’Sha und die Erwachten Stimmen des Sryn’Dorok.
Drei, vielleicht vier Gestalten in dunklen Gewändern. Still. Regungslos. Um sie herum war der Boden leer geblieben. Nicht aus Ordnung, nicht aus Befehl, sondern weil niemand dort stehen wollte. Selbst die Zarul hielten Abstand, als hätte dieser Kreis eine Grenze, die man nicht mit den Füßen, sondern mit der Seele spürte.
Ira’Sha stand im Zentrum.
Sie sprach nicht.
Sie musste es nicht.
Die Erwachten Stimmen senkten gleichzeitig die Köpfe. Für einen Moment geschah nichts. Nur der Wald. Nur der feuchte Atem der Lichtung. Nur das leise Knacken der Zelte, das Scharren von Stiefeln im Schlamm, das ferne Tropfen von Wasser von schwarzen Blättern.
Dann verstummten selbst diese Geräusche.
Nicht plötzlich.
Eines nach dem anderen.
Als würde eine unsichtbare Hand die Welt um ihren Klang bringen.
Die ersten Worte des Rituals waren kaum mehr als ein Hauch. Kein Gesang. Kein Gebet. Kein Ruf an eine Macht, die fern war.
Es klang eher, als würde etwas unter der Erde antworten.
Die Stimmen der Erwachten legten sich übereinander, tief und hart, fremd und doch erschreckend vertraut. Sie krochen durch die Luft, ohne sie zu bewegen. Sie drangen nicht in die Ohren, sondern hinter die Gedanken. Einige Zarul spürten Blut auf der Zunge, ohne sich gebissen zu haben. Andere senkten den Blick, weil sie für einen Augenblick glaubten, zwischen den Wurzeln etwas Blasses kriechen zu sehen.
Ira’Sha hob langsam eine Hand.
Der Boden der Lichtung wurde dunkel.
Nicht nass. Nicht schattig.
Dunkel.
Als würde Farbe aus Erde, Gras und Wurzeln gezogen. Als würde Shan’A’Dera an dieser Stelle vergessen, wie Leben aussieht.
Ein feiner Riss öffnete sich vor Ira’Sha. Dann ein zweiter. Dann viele.
Sie breiteten sich lautlos aus, dünn wie Adern unter alter Haut. Aus ihnen stieg kein Rauch, sondern Kälte. Eine schwere, schwarze Kälte, die sich über den Boden legte und an den Stiefeln der Zarul entlangkroch.
Die Erwachten Stimmen sprachen weiter.
Langsamer nun.
Tiefe Silben.
Gebrochene Silben.
Worte, die kein Befehl waren und denen doch gehorcht wurde.
Die Erde begann zu beben.
Erst kaum merklich, wie ein Herzschlag tief unter dem Schlamm. Dann stärker. Wurzeln spannten sich. Steine rutschten aus dem Boden. Ein Zeltpflock sprang aus der Erde und fiel klappernd um. Niemand hob ihn auf.
Etwas drängte nach oben.
Nicht wie Stein.
Wie ein Wille.
Die Lichtung bäumte sich gegen das auf, was in ihr wuchs. Gras wurde schwarz und legte sich flach auf die Erde. Kleine Pflanzen krümmten sich, als suchten sie Schutz vor etwas, das keine Richtung hatte. Der Nebel am Waldrand zog sich zusammen und wurde dichter, als wollte selbst er nicht sehen, was geschah.
Dann brach der Boden auf.
Langsam.
Qualvoll.
Ein schwarzer Obelisk schob sich aus der Tiefe empor.
Zuerst nur eine Spitze, glatt und dunkel wie geronnenes Nachtblut. Dann mehr. Kalter Stein, nass glänzend vom Erdreich, doch ohne einen Tropfen Schlamm an sich zu tragen. Er wuchs weiter, Stück für Stück, als würde er sich an die Oberfläche erinnern.
Zwei Schritt hoch.
Still.
Falsch.
Seine Oberfläche war nicht gemeißelt. Die Zeichen darauf lagen im Stein wie Narben in Fleisch. Dünne Linien pulsierten darunter, kaum sichtbar, dunkelrot und violett, wie ein Herz, das nicht schlagen sollte.
Als der Obelisk vollständig aus der Erde getreten war, endeten die Stimmen nicht.
Sie wurden leiser.
Und gerade dadurch schlimmer.
Ira’Sha trat näher an den Stein heran und legte die Hand auf seine Oberfläche.
Für einen Augenblick schien die ganze Lichtung den Atem zu verlieren.
Dann antwortete der Obelisk.
Kein Licht brach aus ihm hervor. Kein Donner folgte.
Nur ein einziger, dumpfer Puls ging durch die Erde.
Viele Zarul spürten ihn in den Knien. Hinter den Augen.
Der Wald schwieg.
Die Banner hingen reglos.
Und dort, wo der Obelisk stand, wirkte Shan’A’Dera nicht mehr verwundet.
Es wirkte besetzt.

Aber keiner sprach.
Am Rand der Lichtung standen zwei Krieger unter einem schwarzen Banner.
Kar’Ul beobachtete schweigend den Obelisken. Der Wind zog durch den dunklen Stoff seines Mantels.
Neben ihm stand Seth’Nur.
Lange sagte keiner von beiden etwas.
Dann sprach Kar’Ul leise:
„Es sind zu wenige.“
Seth’Nur antwortete nicht sofort.
Sein Blick lag auf den Reihen der Krieger.
Auf den Lücken zwischen ihnen.
„Das Heer sammelt sich noch.“
Kar’Ul schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Ich meine nicht die, die unterwegs sind.“
Ein kurzer Windstoß fuhr durch die Lichtung. Die schwarzen Banner bewegten sich kaum.
Seth’Nur verstand sofort.
„Viele sind seit dem Erwachen nicht an unserer Seite.“
„Zu viele“, antwortete Kar’Ul.
Seth’Nur verschränkte die Arme vor der Brust.
„Manche werden noch kommen.“
Kar’Ul blickte hinaus in den Wald.
„Und manche nicht.“
Der Obelisk gab ein dumpfes Pulsieren von sich.
Seth’Nur zog den Mantel enger um die Schultern.
„Du sprichst nicht nur von fehlenden Brüdern.“
Kar’Ul schwieg einen Moment.
Dann sagte er:
„Askar hätte hier sein müssen.“
Der Name blieb zwischen ihnen stehen.
Schwerer als jedes andere Wort.
Seth’Nur sah kurz zu Ira’Sha hinüber.
„Askar bleibt niemals fern, wenn das Heer gerufen wird.“
„Eben“, antwortete Kar’Ul.

Ein Geräusch durchbrach die Stille der Lichtung.
Schritte.
Schnell. Kontrolliert.
Ein Zarul trat zwischen den Bäumen hervor und ging sofort auf Seth’Nur zu. Schlamm klebte an seiner Rüstung, feuchter Nebel hing an seinem Umhang.
Er schlug die Faust gegen die Brust.
„Kommandant Seth’Nur.“
Seth’Nur wandte den Blick zu ihm.
„Sprich.“
Der Kundschafter atmete schwer.
„Bewegung im Nebel.“
Kar’Ul richtete sich sofort auf.
„Wie viele?“
Der Kundschafter schüttelte den Kopf.
„Der Nebel war zu dicht. Ich konnte keine genaue Zahl erkennen.“
Seth’Nur trat einen Schritt näher.
„Menschen?“
„Vermutlich.“
„Vermutlich?“
Der Kundschafter nickte langsam.
„Einer von ihnen bewegt sich wie ein erfahrener Kämpfer. Kontrollierte Schritte. Gleichmäßiges Tempo. Kein Zögern.“
Kar’Ul verengte die Augen.
„Und die anderen?“
Der Kundschafter zögerte kurz.
„Ihre Schritte klingen anders.“
Seth’Nur schwieg.
Der Kundschafter fuhr fort:
„Nicht wie Soldaten. Keine Formation. Keine Disziplin im Marsch.“
Kar’Ul legte langsam die Hand an den Griff seiner Waffe.
„Reisende.“
„Vielleicht“, antwortete der Kundschafter.
Der Wald blieb still.
Zu still.
Und irgendwo hinter dem Nebel bewegte sich etwas auf das Lager der Zarul zu.


