Die Grenze zu Hadrik war kein Tor aus Stein und keine Linie auf einer Karte.

Sie begann dort, wo die Wege schmaler wurden, wo der Boden unter den Stiefeln hart und grau war
und die ersten dunklen Ausläufer des Gebirges den Horizont verschluckten. Zwischen den zerklüfteten
Felsen hing kalter Nebel. Kein Wind ging durch die Senke, und doch schien die Luft schwer von etwas,
das längst vor ihnen gewartet hatte.

Áinfean ging an der Spitze der kleinen Gruppe.

Neben ihr schritt Ardor schweigend, den Blick auf die steinernen Hänge gerichtet. Saxum hatte sie
bereits erwartet. Breit gebaut und reglos stand er am Rand des Weges, die Hände auf dem Schaft
seines Hammers ruhend. Hinter ihm zeichneten sich zwischen den Felsen die ersten Banner Hadriks ab.

Irae ging einige Schritte hinter ihnen.

Er hatte darauf bestanden, selbst zu gehen.

Sein Mantel hing schwer an ihm herab, sein Gesicht war blass unter Staub und Müdigkeit.
Jeder Schritt schien ihn Kraft zu kosten, doch als einer der Wächter sich unauffällig näherte,
um ihm den Arm anzubieten, hob Irae nur die Hand.

„Nicht.“

Es war kaum mehr als ein raues Wort.

Der Wächter blieb zurück.

Áinfean hatte es gesehen. Sie sagte nichts dazu, doch ihr Blick kehrte immer wieder zu ihrem Vater zurück.
Nicht lange genug, dass er es bemerken musste. Nicht offen genug, dass die anderen es als Sorge hätten
bezeichnen können.

Saxum trat einen Schritt auf sie zu.

„Ist etwas vorgefallen?“

Seine Stimme war tief, ruhig und ohne Vorwurf.

Áinfean sah ihn an. Für einen Moment schien sie nach den richtigen Worten zu suchen.

„Auf der Reise nicht“, sagte sie schließlich.

Dann glitt ihr Blick an ihm vorbei zu Irae.

Er stand nun still, als müsse er erst entscheiden, ob der nächste Schritt wirklich notwendig war.
Seine Hand lag fest um den Schaft seines Stabes geschlossen. Zu fest.

Saxum folgte ihrem Blick.

Lange sagte er nichts.

Er nickte nur einmal.

Es war kein Nicken, das Antworten verlangte. Kein Nicken, das Zweifel verschwinden ließ.
Es war das Schweigen eines Mannes, der verstand, dass manche Dinge nicht an einem Grenzstein
ausgesprochen wurden.

Nach einer kurzen Pause richtete er sich auf.

„Man erwartet euch in Hadrik“, sagte er. „Wir sollten uns auf den Weg machen.“

Áinfean nickte.

Hinter ihr setzte Irae sich wieder in Bewegung.

Und die Wächter folgten Saxum hinauf in die Berge.

Die Wächter an der Grenze zu Hadrik

Vor dem Tor von Hadrik endete der Weg.

Die gewaltigen Mauern standen dunkel zwischen den Felsen, aus schwarzem Stein geschichtet und
von alten Schmiedespuren gezeichnet. Über dem Tor hing das Wappen Hadriks im Wind. Dahinter
flackerte warmes Licht in den Fenstern der Bergfeste.

Irae erreichte die letzten Schritte aus eigener Kraft.

Dann versagten ihm die Beine.

Sein Stab schlug hart auf den Boden. Für einen Atemzug stand er noch, als wolle er sich gegen
den eigenen Körper zur Wehr setzen. Dann brach er zusammen.

„Irae!“

Áinfean war als Erste bei ihm.

Sie sank neben ihm auf die Knie, eine Hand an seiner Schulter, die andere an seiner Stirn.
Kaum hatte sie ihn berührt, zog sie scharf die Luft ein.

„Er glüht.“

Ardor trat neben sie. Sein Blick wurde hart, als er sich über Irae beugte. Die Hitze ging nicht
von einer offenen Wunde aus. Sie lag tiefer. Unter der Haut. In seinem Atem.

Saxum rief bereits nach den Wachen am Tor.

„Heiler! Sofort!“

Die schweren Torflügel öffneten sich noch weiter. Zwerge kamen heran, zuerst zwei Wachen,
dann weitere aus dem Inneren der Feste. Einer von ihnen kniete sich neben Irae und legte die
breite Hand an dessen Hals.

Seine Augen wurden groß.

„Beim Barte der Ahnen“, stieß er hervor. „Feuer und Asche.“

Es war kein Fluch. Es war Angst.

„Er muss hinein“, sagte ein anderer Zwerg. „Zu den Heilern. Jetzt.“

„Er hat hohes Fieber“, sagte Áinfean. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Hände zitterten leicht.
„Es wird schlimmer.“

„Dann darf keine Zeit verloren werden.“

Irae vor dem Tor von Hadrik

Die Zwerge handelten sofort. Zwei von ihnen hoben Irae vorsichtig an, während ein dritter
seinen Stab an sich nahm. Irae regte sich schwach, als wolle er sich gegen die Hilfe wehren,
doch selbst dafür fehlte ihm die Kraft.

„Still“, murmelte Áinfean leise. „Nur diesmal.“

Sie folgten den Zwergen durch das Tor.

Im Inneren Hadriks roch es nach Stein, Rauch und glühendem Metall. Doch die Wärme der Feuer
konnte gegen die Kälte in Áinfeans Brust nichts ausrichten. Immer wieder sah sie auf Irae,
der zwischen den Zwergen lag, bleich und reglos, während sein Atem stoßweise kam.

Sie brachten ihn in einen niedrigen, von Runen und alten Steinplatten umgebenen Raum.

Dort warteten bereits die Heiler.

„Kühlenden Schlamm“, befahl eine alte Zwergin. „Aus den Tiefenbecken. Nicht zu kalt.
Er darf nicht in einen Schock fallen.“

Weitere Hände griffen nach Schalen, Tüchern und Wasserkrügen. Der dunkle Schlamm wurde auf
Iraes Stirn, Brust und Arme gelegt. Dampf stieg auf, kaum dass er seine Haut berührte.

Ardor stand am Rand des Raumes, die Hände zu Fäusten geballt.

Saxum schwieg.

Áinfean wich keinen Schritt von Iraes Seite.

Dann wurde es still an der Tür.

Der König von Hadrik trat ein.

Er trug keinen prunkvollen Mantel und keine Krone. Nur einen schweren Umhang aus dunklem Stoff,
die Spuren der Schmiede noch an den Händen. Doch alle Zwerge im Raum richteten sich auf,
als er eintrat.

Sein Blick fiel auf Irae.

Die Sorge in seinem Gesicht war unverkennbar.

Der König trat näher an das Lager.

Lange sah er Irae an. Die Sorge in seinem Gesicht war unverkennbar, doch als er schließlich
sprach, galt sein erster Blick nicht den Heilern.

Er galt Áinfean.

„Kleines Herz“, sagte er leise.

Der alte Name ließ sie kurz den Blick heben.

Er trat neben sie, ungeachtet der feuchten Steinplatten unter seinen Stiefeln. Seine Hand legte
sich behutsam auf ihre Schulter.

„Du musst nicht stark sein, solange du bei ihm sitzt“, sagte er. „Du hast ihn hergebracht.
Das ist mehr, als irgendjemand von dir verlangen durfte.“

Áinfean schluckte.

„Ich kann ihn nicht allein lassen.“

„Das musst du auch nicht.“ Der König sah kurz zu den Heilern, die den kühlenden Schlamm
erneuerten und leise miteinander sprachen. „Aber hier können wir ihm gerade nicht helfen.
Diese Hände können es.“

Er deutete auf die Heiler.

„Und wenn sich auch nur ein Atemzug an seinem Zustand ändert, wird man uns rufen. Sofort.
Das verspreche ich dir.“

Áinfean sah wieder zu Irae. Der Dampf stieg noch immer von seiner Haut auf. Seine Finger hatten
sich um nichts mehr geschlossen. Selbst sein Atem wirkte fremd und fern.

Ardor stand hinter ihr, unbeweglich wie eine Statue. Saxum sagte nichts, doch sein Blick lag
schwer auf dem Lager.

Der König erhob sich langsam.

„Kommt mit mir“, sagte er ruhiger. „Ihr braucht etwas Warmes im Magen, Wasser und einen Ort,
an dem ihr für einen Augenblick sitzen könnt. Nicht weit von hier. Ihr bleibt innerhalb der Mauern,
und ihr seid bei ihm, sobald er euch braucht.“

Áinfean zögerte.

Dann legte Saxum ihr behutsam eine Hand zwischen die Schulterblätter.

„Er hat recht“, sagte er leise.

Ardor atmete einmal tief durch und nickte widerwillig.

Áinfean blieb noch einen Moment bei Irae. Dann beugte sie sich zu ihm hinab.

„Du darfst jetzt nicht gehen“, flüsterte sie.

Sie richtete sich langsam auf.

„Wir kommen zurück“, sagte sie zu den Heilern, obwohl es keine Bitte und kein Befehl war.

„Sobald es etwas zu wissen gibt“, versprach die alte Zwergin.

Erst dann wandte Áinfean sich ab.

Der König wartete nicht vorausgehend an der Tür. Er blieb bei ihr, bis sie den Raum verließ.

Und als die schwere Tür hinter ihnen zufiel, führte er sie nicht wie Gäste durch Hadrik.