An der Grenze Hadriks
Wir sahen ihn lange, bevor er uns erreichte.
Ein einzelner Mann auf der Straße aus Sigra.
Kein Händler, denn er führte keinen Karren. Kein Bote, denn er ritt nicht.
Kein Bauer, denn seine Haltung war die eines Kämpfers.
Er kam zu Fuß, mit Mantel, Reisesack und einer Klinge, die selbst aus der Entfernung
schwerer wirkte als Stahl allein.
Der Nebel aus den tieferen Landen hing ihm noch in den Kleidern, als hätte Sigra ihn
nicht ganz gehen lassen wollen.
Ich stand mit Borun und Hark bei den Grenzsteinen, dort, wo der Weg zum ersten Mal
zwischen den schwarzen Felsen Hadriks enger wird.
Hinter uns begannen die alten Pfade unseres Landes. Vor uns lag Sigra mit seinen
weichen Straßen, feuchten Wiesen und den Dörfern, in denen Türen schneller geschlossen
wurden, als ein ehrlicher Mann grüßen konnte.
Zur Esse.
Borun trat vor, wie es seine Aufgabe war. Seine Hand lag am Hammer, nicht drohend,
aber sichtbar.
„Name.“
Der Fremde blieb stehen.
„Leonas Alrik Balthasar. Custor des Heiligen Ordens Andorans.“
Ich sah kurz zu Hark. Der hob nur die Brauen.
Ein Mensch aus einem fremden Orden, allein an der Grenze Hadriks, aus Richtung Sigra
kommend. Das war nicht verboten. Aber auch nicht gewöhnlich.
Borun musterte ihn weiter.
„Grund der Reise?“
Da wurde es still.
Nicht lange.
Nur einen Atemzug zu lange.
Doch an der Grenze lernt man, auf solche Atemzüge zu achten.
Der Mann hatte keine Antwort bereit. Oder keine, die er aussprechen wollte.
„Noch einmal“, sagte Borun. „Grund der Reise?“
Der Mensch spannte den Kiefer an. Nicht wie einer, der lügen will. Mehr wie einer,
dem die Wahrheit selbst im Weg steht.
„Ich suche jemanden.“
„Wen?“
„Irae.“
Bei dem Namen veränderte sich die Luft.
Hark trat einen halben Schritt vor. Ich merkte, wie meine Finger den Schaft meiner
Axt fester umschlossen.
Wer Irae sucht, sucht selten etwas Kleines.
Boruns Stimme wurde tiefer.
„Und weshalb sucht ein Ordensritter Irae?“
Der Mensch atmete aus.
„Das ist schwer zu erklären.“
„Dann versuch es.“
Er tat es nicht. Nicht richtig.
Kein Befehl. Keine Botschaft. Kein Siegel. Keine Einladung.
Nur ein Name, ein Weg und dieser Blick, der wirkte, als hätte er mehr gesehen,
als er sagen konnte.
Borun schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Dann hast du hier keinen Weg.“
Der Wind fuhr zwischen die Felsen.
Ich weiß nicht, ob die anderen es auch zuerst dort hörten.
In den Ritzen. In den Schatten unter dem Grenzstein. In dem dunklen Spalt zwischen
zwei Felsen, wo selbst bei Tage kein Licht lange bleibt.
Ein Flüstern.
Alt.
Trocken wie Asche.
Warm wie Glut unter Stein.
Flammenbruder.
Der Mensch blinzelte. Ich sah, wie seine Lippen sich bewegten, bevor er es selbst
zu bemerken schien.
Feuer und Asche.
Borun hob den Kopf.
„Was murmelst du da?“
Der Fremde sah uns an, als wäre ihm selbst nicht klar, warum er die Worte kannte.
Dann sagte er leise:
„Flammenbruder.“
Keiner von uns sprach.
Dann, deutlicher:
„Feuer und Asche.“
Borun senkte seine Hand vom Hammer.
Hark schlug die Faust gegen seine Brustplatte.
Ich tat es ihm gleich.
Denn es gibt Worte, die man nicht achtlos über die Grenze trägt.
Und es gibt Worte, die ein Fremder nicht kennen sollte, wenn sie ihm nicht gegeben wurden.
Borun sah den Menschen nun anders an.
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“
Der Custor schwieg.
Und in diesem Schweigen lag genug Antwort.
Er wusste es selbst nicht.
Borun stellte keine weitere Frage.
Manche Dinge fragt man nicht an einem Grenzstein.
Manche Dinge bringt man vor die Esse.
„Du gehst nicht allein weiter“, sagte er.
Der Mensch sah ihn an.
„Ich habe nicht darum gebeten.“
„Das war auch keine Frage.“
Borun wandte sich zu mir und Hark.
„Ihr begleitet ihn.“
Dann zu dem Fremden:
„Du wirst zur Esse gebracht.“
Der Mensch nickte nicht sofort.
Dann setzte er sich in Bewegung.
Hinter den Grenzsteinen änderte sich das Land.
Sigra fiel schnell zurück. Seine feuchte Weite, seine krank wirkende Stille,
seine grauen Wege.
Vor uns stiegen die Pfade an. Erst langsam, dann steiler.
Die Erde wurde dunkler, härter, von Erzadern durchzogen, die an manchen Stellen
wie erstarrte Blitze im Fels lagen.
Kiefern klammerten sich an Hänge. Wasser lief in schmalen Rinnen über Stein
und verschwand in Spalten, aus denen kühle Luft emporstieg.
Je höher wir kamen, desto deutlicher wurde der Atem Hadriks.
Rauch.
Kohle.
Eisen.
Nicht der Gestank von Brand und Zerstörung.
Der Geruch von Arbeit.
Von Feuer, das gezähmt wurde.
Von Stein, der nachgab, weil Hände und Hammer es von ihm verlangten.
Der Mensch sprach wenig.
Er stellte keine törichten Fragen. Das rechnete ich ihm an.
Manche Fremde kommen nach Hadrik und starren die Berge an, als wären sie nur
Kulisse für ihre eigenen Geschichten.
Dieser hier tat das nicht.
Er sah die Wachtürme. Die Brücken aus dunklem Stein. Die alten Schienen, die aus
Minenschächten kamen. Die Zeichen an den Felswänden. Die kleinen Schreine mit
rußgeschwärzten Opfersteinen.
Er sah alles wie ein Mann, der Wege prüft, nicht Wunder sammelt.
Gegen Abend erreichten wir den ersten Hochweg.
Von dort aus konnte man weit sehen.
Hinter uns lag das Land Sigra, flacher, dunkler, vom Nebel verschluckt.
Vor uns öffnete sich Hadrik. Die Berge standen in Schichten übereinander,
als hätten die Ahnen selbst sie wie Mauern aufgeschichtet.
Zwischen ihnen glühten einzelne Punkte. Schmieden. Wachfeuer. Wohnhallen.
Weiter oben zog sich eine Straße wie ein dunkles Band an den Hängen entlang,
gesäumt von Pfeilern, in die alte Runen geschlagen waren.
Und ganz in der Ferne lag Earnan. Die Esse.
Wir gingen weiter, bis die großen Vorwerke erreicht waren.
Die äußeren Tore Earnans erhoben sich vor uns, mit Eisen beschlagen, breit genug
für Wagenkolonnen und hoch genug, dass selbst ein Troll sich klein fühlen würde.
Zwei Steinwächter standen daneben, Werke unserer Hände. Zwerge aus Stein,
Hammer und Schild vor der Brust, die Augen aus geschliffenem Erz.
Als wir uns näherten, wurde auf den Wehrgängen Bewegung sichtbar.
Jemand hatte uns längst erkannt.
Eine der Wachen hob die Hand zum Gruß. Borun erwiderte ihn knapp.
Dann begannen die Ketten zu laufen.
Zahnräder griffen ineinander, tief und schwer, bis die Torflügel sich langsam
öffneten und uns der warme Atem Earnans entgegenschlug.
Feuer.
Metall.
Stimmen.
Hämmer auf Ambossen.
Ein Herz aus Klang.
Leonas trat mit uns über die Schwelle.
Borun führte ihn weiter, als sei seine Anwesenheit bereits beschlossen worden,
und vielleicht war sie das auch.
Manche Entscheidungen werden an Grenzen getroffen, bevor ein Tor sie bestätigt.
Wir brachten ihn durch die äußeren Hallen, vorbei an niedrigen Torbögen,
Vorratskammern und Schmiedefeuern, deren Licht über schwarzen Stein lief.
Zwerge sahen kurz auf, wenn der fremde Ordensritter an ihnen vorbeiging.
Manche neugierig. Manche misstrauisch. Manche mit jenem stillen Respekt,
den man Gästen gibt, die unter einem ernsthaften Zeichen eintreten.
Leonas sprach wenig.
Er sah.
Die Kettenzüge über den Toren. Die Rauchfahnen in den Schächten.
Die alten Runen an den Wänden. Die Schmiedehämmer, die im Takt auf Ambosse
niedergingen. Die Wege, die tiefer in den Berg führten, und jene, vor denen
Wachen standen.
Ein Mann, der Wege prüfte. Nicht einer, der Wunder bestaunte.
Erst in einer kleineren Vorhalle, abseits des Hauptweges, trat ein älterer Zwerg
zu uns.
Ruß hing an seiner Schürze, ein schwerer Schlüsselring an seinem Gürtel.
Borun wechselte mit ihm einige leise Worte. Zu leise, als dass ich sie verstanden
hätte. Einmal fiel Iraes Name. Dann senkte Borun die Stimme noch weiter, und der
Alte sah kurz zu Leonas hinüber.
Leonas musste bemerkt haben, dass über ihn gesprochen wurde.
Er fragte nicht. Das rechnete ich ihm an.
Der alte Zwerg kam schließlich auf ihn zu und neigte knapp den Kopf.
„Leonas Alrik Balthasar“, sagte er. „Hadrik gewährt dir Gastrecht.“
Leonas erwiderte den Blick.
„Ich danke euch.“
„Dir wird eine Schlafstätte bereitet. Wasser, etwas Warmes und ein Platz zum Ruhen.
Deine Waffen bleiben bei dir, solange du den Frieden Hadriks achtest.“
Dann deutete der Alte in Richtung der tieferen Gänge.
„Du darfst dich in Earnan bewegen. Die Schmiedehallen, die inneren Wachgänge
und die Bereiche der Heiler betrittst du nicht ohne Begleitung. Alles andere
steht dir offen.“
Leonas nickte langsam.
„Und Irae?“
Der Alte hielt seinem Blick stand.
„Man weiß, dass du nach ihm fragst.“
Mehr sagte er nicht. Nicht unfreundlich. Nicht abweisend. Nur so, wie Hadrik spricht,
wenn noch nicht entschieden ist, welches Wort als nächstes fallen darf.
Wir führten Leonas weiter zu den Gästegängen.
Seine Kammer war schlicht, aber sauber und warm.
Steinwände. Ein schmales Lager. Ein Tisch. Eine Waschschale.
Ein Haken für Mantel und Gepäck.
Borun blieb in der Tür stehen.
„Hier kannst du schlafen. Oder deine Sachen ablegen.“
Leonas sah sich kurz um.
„Ich darf mich frei bewegen?“
„In den genannten Bereichen, ja.“
„Und wenn jemand nach mir fragt?“
Borun legte die Hand an seinen Gürtel.
„Dann wird man dich finden.“
Der alte Zwerg sah noch einmal zu Leonas.
„Iss zuerst etwas. Wer von Sigra bis hierher läuft, sollte nicht mit leerem Magen
durch Earnan gehen.“
Leonas nickte.
Tief im Berg schlugen die Hämmer weiter.
Schlag um Schlag.
Während Leonas nun unter unserem Dach stand und sich frei durch die Stadt bewegen durfte.
Vielleicht, damit die Antworten ihn fanden.

