Totengericht – 03

Leonas blieb nicht lange in seiner Kammer.

Er hatte Boruns Rat befolgt. Gegessen. Getrunken. Sich zumindest für eine Weile hingesetzt und versucht, die Reise aus den Knochen zu bekommen.
Dann zog es ihn wieder hinaus. Wenn er schon warten musste, wollte er die Zeit nutzen.
Earnan war ihm fremd. Die Hallen, die Werkstätten, die alten Zeichen im Stein. Selbst die Art, wie die Zwerge miteinander umgingen, erzählte etwas über dieses Volk.

Also ging Leon.

Er hielt sich an die Wege, die ihm offenstanden, stellte keine unnötigen Fragen und blieb niemandem bei der Arbeit im Weg.
Zwischen all den Zwergen fielen ihm schließlich zwei Gestalten auf, die mindestens ebenso wenig hierher zu gehören schienen wie er selbst.

Die Wächter. Ardor erkannte er sofort.
Sie hatten bereits gemeinsam vor Feinden gestanden. Leon hatte ihn erlebt, als Askar zum ersten Mal erschienen war. Auch bei Yediras Rückkehr waren sie beide dort gewesen.

Áinfean kannte er vor allem vom Sehen. Meist in Shedirs Nähe. Ob sie überhaupt schon einmal mehr als einige Worte miteinander gewechselt hatten, wusste er nicht mehr.

Beide wirkten, als hätten sie bessere Tage gesehen.

Ardor stand aufrecht, aber es kostete ihn sichtbar Mühe. An den Knöcheln seiner rechten Hand war die Haut aufgeplatzt.
Áinfeans Hände waren zu Fäusten geschlossen. Ein leichtes Zucken lag an ihrem linken Auge.

Leon ging zu ihnen.
„Dem Allerersten zum Gruß, verehrte Wächter.“

Ein schwaches Lächeln lag auf seinem Gesicht.
„Es freut mich sehr, dass es euch gut zu ergehen scheint.“

Ardor hob die linke Augenbraue und grüßte knapp mit der verletzten Hand. Er sagte nichts.
Áinfean schon.
„Ach, tut es das?“

Leon sah zwischen beiden hin und her.
Die Antwort war kühl genug, dass sein erster Impuls wohl ähnlich ausgefallen wäre. Stattdessen glitt seine rechte Hand zu dem kleinen Obsidian, den er seit Umbras Salbung bei sich trug.
Er atmete einmal durch.
„Nun, ihr seid aus Shan’A’Dera zurückgekehrt. Ihr habt die Krankheit und die Schwere Sigras hinter euch gelassen, die nach allem zu greifen scheint. Vermutlich wegen …“

Er hielt kurz inne.
„… jemandem. Mehr, als man in dieser Zeit erwarten darf, würde ich sagen.“

Sein Blick ging noch einmal zwischen den beiden hin und her.
„Es scheint, als führten derzeit viele Fragen genau an diesen Ort.“

Das Wort Krankheit hatte Áinfeans Aufmerksamkeit geweckt.

Sie sah kurz zu Ardor. Dann wieder zu Leon.
„Wir Wächter sind hier, weil wir in Sigra nicht mehr sein können.“

Sie verzichtete auf jede Förmlichkeit.
„Du wirst hier also wahrscheinlich noch einigen weiteren Wächtern begegnen.“

Ihr Blick wurde fester.
„Von was für einer Krankheit redest du?“

Leon nahm sich einen Atemzug Zeit.
„Port Sigra und auch das Umland werden angegriffen oder sind diesem Einfluss bereits beinahe erlegen. Etwas legt sich auf jeden Atemzug, macht jeden Schritt schwerer, als würde man durch Morast waten. Es ist, als würde Schlamm an den Stiefeln haften und mit jedem weiteren Schritt schwerer werden, während etwas einem leise zuflüstert, dass es einfacher wäre, einfach aufzugeben.“

Für einen kurzen Moment blitzte Zorn in seinem Blick auf.
Dann war er wieder fort.
„Und um deiner Frage vorzugreifen, weshalb ich hier bin …“

Leon sah die beiden an.
„Ich suche euren Vater, Primus Irae.“

Ardor bewegte sich einen Herzschlag lang überhaupt nicht.
Sein Kiefer spannte sich an. Die verletzte Hand schloss sich langsam.
Dann sah er Leon direkt an.
„Dann bist du zu spät.“

Die Worte kamen tief und rau.
„Unser Vater liegt bei den Heilern des Königs.“

Er holte kaum merklich Luft.
„Mit hohem Fieber.“

Leons Gesicht wurde ernster.

„Er ist auf dem Weg nach Hadrik vor den Toren zusammengebrochen.“
Ardor sah auf seine verletzte Hand.
„Die Heiler wissen nicht, was ihn niederstreckt.“
Dann trat er einen Schritt näher.
„Ich habe meinen Vater berührt, als er zusammenbrach.“
Seine linke Hand zitterte leicht.
„Ich bin mit dem Feuer geboren worden. Ich fühle jede Hitze. Jede Glut. Jede Flamme.“
Ardors Stimme wurde leiser.
„Doch dies war kein Feuer, dass ich kannte.“

Jetzt lag etwas anderes in seinem Blick.
Die Sorge eines Sohnes.
„Wenn das, was Sigra befällt… dasselbe ist, was meinen Vater niederstreckt…“

Er stockte.
„…dann erzähl uns alles.“

Áinfean hatte geschwiegen.
Nun fügte sie hinzu:
„Und wenn du uns davon berichtet hast, kann ich versuchen an meines Vaters statt mich um dein Anliegen zu kümmern.“

Leon antwortete zunächst nicht.
Sein Blick verlor sich für einige Atemzüge.

Feuer und Asche… Flammenbruder…. Er brennt für uns… Irae… Iriaris…

Die Worte kamen leise über seine Lippen, während die Gedanken dahinter erst noch ihren Platz suchten.

Dann sah er wieder zu den beiden.
„… Hat euer Vater den Funken berührt? Oder nur einen kleinen Teil dessen, wie einst Iriaris tat…? Yed…“

Er brach ab. Zu früh. Zu unsicher.
„Ich hatte eine Vision, in der alles auf euren Vater hinzudeuten schien. Seitdem bin ich überzeugt, dass ich ihn finden sollte. Zu viele Dinge fügen sich ineinander, als dass ich sie noch für Zufall halten könnte.“

Leon hielt einen Moment inne.
„Ich sah jemanden brennen. Danach wurde ich gebeten, den zu finden, bei dem der Kampf beginnt.“

Er sah Ardor und Áinfean ernst an.
„Vielleicht ziehe ich die falschen Schlüsse. Das hoffe ich sogar. Doch wenn euer Vater tatsächlich etwas in sich trägt, das mit dem Funken oder dessen Kraft in Verbindung steht, dann dürfen die Heilenden ihn nicht behandeln, als läge bloß ein gewöhnliches Fieber vor. Sie müssen wissen, womit sie es möglicherweise zu tun haben.“

Ardors Geduld war aufgebraucht.
„Jetzt spann uns nicht auf die Folter, sprich! Wir sind derzeit nicht in Stimmung für Rätsel!“

Áinfean trat ebenfalls näher. Also erzählte Leon.
Von der Zeit nach Shan’A’Dera.
Von den Schriften, die er erneut gelesen hatte.

Von Moira. Von der Ursünde.
Von den fehlenden Seiten ihres Buches.
Von etwas, das unter Shan’A’Dera verborgen sein könnte.
Von einem Feind, der nicht mit Drohungen zu ihm gekommen war, sondern mit Verständnis.
Einem Feind, der seine Verluste genommen und daraus eine einzige Frage gemacht hatte:

Warum überhaupt weitermachen?
Dann sprach Leon von Umbra.
Von Port Sigra.
Von Leid, Korruption und Hoffnungslosigkeit.
Von einem Menschen, den er hatte brennen sehen.

„Dann sagte sie mir, dass ich nicht derjenige sei, der für andere brennen müsse, weil dies bereits jemand tat. Sie bat mich schließlich, den zu finden, bei dem der Kampf beginnt.“

Er hatte damals nicht verstanden, wen sie meinte.
Dann hatte ihn sein Weg nach Sigra geführt und von dort nach Hadrik.
Nun stand er vor Iraes Kindern und hörte, dass deren Vater von einem Feuer verzehrt wurde, das Ardor nicht kannte.
„In meiner Vision sagte Umbra das jener brennende das Gift aus Sigra ausbrennen müsse und das es meine Aufgabe sei danach zu bleiben…“

Danach wurde es stiller zwischen ihnen.

Ardor brauchte Zeit.

Als er schließlich sprach, war seine Stimme ruhiger.

„Ich weiß nicht, ob deine Visionen wahr sind.“

Er sah Leon fest an.

„Und ich weiß nicht, ob Iriaris, der Funke oder alles, was du gelesen hast, etwas mit meinem Vater zu tun haben.“

Eine kurze Pause.

„Aber ich weiß, dass dort etwas geschieht, das sich jeder Vernunft entzieht.“

Ardor hatte keine Gewissheit.

Aber er war auch nicht bereit, eine mögliche Spur einfach zu verwerfen.

„Wenn du mit dem, was du sagst, auch nur zur Hälfte recht hast… dann sucht sich unser Feind nicht zufällig seine Opfer aus.“

Er sah zu Áinfean.

„Wir verschwenden keine Zeit mehr mit Vermutungen. Alles, was du weißt, wirst du den Heilern und dem König erzählen. Sie entscheiden selbst, was sie davon glauben. Aber niemand wird später sagen können, wir hätten geschwiegen, obwohl wir Hinweise hatten.“

Áinfean schüttelte den Kopf.

„Wenn diesen Träumen zu trauen ist, dann muss diese Information nicht nur zu den Heilern, sondern du musst in der Tat zu Irae. Folg mir.“

Sie kamen nicht weit.

Aus einem Seitengang näherte sich ein Zwerg in dunkler, schlichter Kleidung.

Als er die beiden Wächter sah, blieb er stehen.

„Da seid ihr ja.“

Sein Blick ging zu Áinfean.

„Dein Onkel will euch sehen.“

Dann sah er Leon.

„Euch alle.“

Er deutete in den Gang hinter sich.

„Wenn ihr mir folgen würdet.“

Sie folgten.

–

Der Weg führte tiefer nach Earnan.

Die großen Schmieden blieben hinter ihnen zurück. Das Schlagen der Hämmer wurde dumpfer. Die Gänge ruhiger.

Die Wachen machten Platz, sobald sie Áinfean und Ardor erkannten.

Schließlich erreichten sie einen Raum nahe der Heilerkammern.

Ein schwerer Tisch stand in der Mitte. Darauf Brot, Käse, dunkles Bier, Wasser und eine dampfende Schale Eintopf.

Zwei Zwerge warteten dort.

Der eine war breit gebaut, trug einen dunklen Mantel und hatte Hände, die nicht danach aussahen, als hätten sie ihr Leben nur auf einem Tisch gelegen.

Der andere war älter. Neben ihm lagen Tücher, Schalen und verschlossene Tonkrüge. Kräuter, Steinöl und der Geruch kühlenden Schlamms hafteten an ihm.

Der erste Zwerg deutete auf die freien Plätze.

„Setzt euch.“

Dann auf das Essen.

„Esst etwas. Trinkt.“

Sein Blick blieb schließlich bei Leon.

„Ich bin Gorim.“

Dann deutete er auf den älteren Zwerg.

„Und das ist Barund. Er wacht über die Heiler hier.“

Barund nickte knapp.

„Bevor wir sprechen, solltet ihr euch setzen.“

Ardor nahm Platz.

Leon legte eine Hand auf die Herzseite.

„Custor Leonas Alrik Balthasar, Leon reicht völlig..“

Dann setzte auch er sich.

Áinfean blieb noch einen Moment stehen.

Sie hatte keinen Hunger.

Gorim und sie sahen einander lange an.

Dann setzte sie sich neben ihren Ordensbruder.

Gorim schob einen Krug etwas weiter in die Mitte.

„Dann sprechen wir jetzt.“

Barund legte die Hände auf den Tisch.

„Wir wissen nun mehr.“

Er atmete langsam aus.

„Es ist kein gewöhnliches Fieber. Keine Vergiftung. Kein Fluch, soweit wir es erkennen können.“

Niemand unterbrach ihn.

„Iraes Körper brennt nicht, weil etwas Fremdes in ihm wütet.“

Gorims Blick wurde schwerer.

„Er brennt, weil seine Kraft ihn verlässt. Seine Lebenslinie sich dem Ende nähert.“

Barund sprach langsamer weiter.

„Nicht seit heute. Nicht seit dieser Reise. Das hat früher begonnen. Wochen. Vielleicht Monate. Vielleicht länger. Sein Körper hat Zeichen gegeben. Er muss sie bemerkt haben.“

Gorim sah Áinfean an.

„Und so, wie er ist, hat er sie verborgen.“

Barund senkte kurz den Blick.

„Er ist nicht im Sterben, weil er heute zusammengebrochen ist. Er ist heute zusammengebrochen, weil er schon zu lange weitergegangen ist.“

Ardor saß reglos da.

Seine Finger lösten sich langsam vom Krug.

„Er wusste es.“

Kaum mehr als ein Flüstern.

Dann ein bitterer Zug um seinen Mund.

„Natürlich wusste er es.“

Er sah Barund an.

„Wenn das wirklich schon so lange in ihm gewachsen ist…“

Seine Stimme war ruhig geworden.

„…dann will ich keine Hoffnung hören, die nur ausgesprochen wird, um uns zu schonen.“

Ein Atemzug.

„Ich will die Wahrheit.“

Noch einer.

„Und eine Lösung.“

Barund hielt seinem Blick stand.

„Eine Hoffnung, die nur schonen soll, ist keine Heilkunde.“

Dann sagte er ihnen, was sie getan hatten.

„Die Wahrheit ist… Irae muss seit langer Zeit Schmerzen haben.“

Barund schwieg kurz.

„Nicht seit heute. Nicht seit dieser Reise. Lange.“

Sein Blick wurde ernster.

„Ich wundere mich, dass er überhaupt noch steht. Dass er spricht. Dass er handelt. Dass er bis hierher gekommen ist.“

Dann berichtete er von einem Trank.

Stark genug, Iraes Körper zu kräftigen, soweit das noch möglich war.

Nicht stark genug, um das Feuer in ihm zu löschen.

Dafür brauchte der Trank Zeit.

Und Irae brauchte Ruhe.

Áinfean sah Gorim an.

„Lass mich die Nacht über ihn wachen, bei ihm sein. Ich werde ihm seine Ruhe lassen, kein Wort sprechen. Bitte.“

Barund nickte schließlich.

„Du darfst bei seinem Krankenbett wachen.“

Gorim sah sie an.

„Du sitzt dort als Wache. Still“, ergänzte Barund. „Wenn er unruhig wird, rufst du mich oder einen der Heiler. Wenn er wach wird, versuchst du nicht, Antworten aus ihm zu holen.“

Áinfean verstand.

Ardor hatte einen anderen Gedanken.

Er wollte in die Archive.

Hadrik bewahrte Wissen, das in anderen Reichen längst vergessen worden war. Alte Chroniken. Heilerberichte. Lieder. Geschichten über Dinge, die heute vielleicht niemand mehr ernst nahm.

Er wollte nach einem Feuer suchen, das nicht verzehrte, sondern seinen Träger auszehrte.

Nach Iriaris.

Nach dem Funken.

Nach irgendeinem Hinweis, der seinem Vater helfen könnte.

Gorim hörte ihn an.

„Du bist nicht der Erste, der diesen Gedanken hat.“

Die Gelehrten Hadriks suchen bereits.

Ardor durfte sich ihnen anschließen.

„Ein Gelehrter wird dich am Archiv erwarten. Frag nach Maruk. Er weiß, welche Türen geöffnet werden dürfen und welche nur mit Grund.“

Dann hielt Gorim ihn noch einmal zurück.

„Und Ardor.“

Ardor sah ihn an.

„Suche mit klarem Kopf. Nicht mit brennendem Herzen allein.“

Gorims Stimme wurde tiefer.

„Dein Vater hat lange genug versucht, alles allein zu tragen. Mach ihm das nicht nach.“

Dann wandte er sich Leon zu.

„Und nun zu dir.“

Gorim musterte ihn.

„Du kommst aus Richtung Sigra. Du suchst Irae. Und an unserer Grenze sprichst du Worte, die kein Fremder zufällig kennen sollte.“

Er sprach die Worte nicht aus.

„Also frage ich dich direkt. Wer bist du wirklich?“

Eine kurze Pause.

„Woher kennst du diesen Schwur?“

Noch eine.

„Und was führt dich nach Hadrik?“

Leon schwieg einen Moment.

Dann antwortete er.

„Ich glaube, ich weiß es heute besser als früher.“

Seine Hand lag am Obsidian.

„Ich bin jemand, der stehen bleibt. Nicht gegen das Licht. Nicht gegen die Dunkelheit. Sondern für die Menschen, die ihren Weg durch beides finden müssen.“

Er erzählte Gorim, weshalb er gekommen war.

Nicht im Auftrag seines Ordens.

Nicht wegen eines Befehls.

Er war gebeten worden.

Von seinem Element.

Und er war diesem Ruf gefolgt.

„Ich will helfen, die Menschen von Sigra aus der Finsternis zu führen. Aus Angst, Verlust und Hoffnungslosigkeit hin zu einer ruhigen Nacht, die ihnen Schutz gewährt. Dort sollen sie ruhen, Atem finden und neue Kraft schöpfen, bis ein neuer Tag erwacht und das Licht der Hoffnung wieder in ihnen brennt.“

Dann beantwortete er auch die Frage nach den Worten an der Grenze.

„Die Worte, die ich zu den Wachen sprach, sind mir selbst fremd. Die Dunkelheit flüsterte sie mir zu, als ich sie am meisten brauchte.“

Gorim hörte zu.

Später sprach er selbst über Sigra.

Über eine Zeit, in der Esranyr noch nicht aus einzelnen Teilen bestanden hatte.

Er erinnerte sich an Straßen, auf denen Händler aus Sigra, Schmiede aus Hadrik und Boten aus Volaris unterwegs gewesen waren.

Nicht an eine vollkommene Zeit.

Aber an eine andere.

Dann warnte er Leon.

„Wenn du Sigra helfen willst, dann hilf den Menschen. Nicht einer Idee von Sigra. Nicht einem Banner. Nicht einem Thron. Den Menschen.“

Leon nahm die Worte an.

Er sprach nicht länger von Reinigung.

Er sprach von Präzision.

Davon, das herauszuschneiden, was dieses Land quälte, ohne dabei zu vergessen, was man schützen wollte.

Gorim nickte schließlich.

„Präzision ist ein besseres Wort.“

Dann:

„Und Brücken sind ein besseres Ziel als Throne.“

Er sah Leon fest an.

„Sigra wird nicht durch einen einzigen Schlag heil. Kein Land wird das. Wer glaubt, man könne Fäulnis einfach herausreißen und danach sei alles gut, hat nie gesehen, was eine Wunde tut, wenn man sie offen zurücklässt.“

Ein kurzer Moment verging.

„Wenn du wirklich helfen willst, dann merke dir das: Nach dem Schnitt beginnt erst die Arbeit.“

Áinfean ging mit Barund.

Ardor machte sich auf den Weg zu den Archiven.

Leon blieb zurück.

Bevor er ging, hatte er noch eine Frage.

„Kennt Ihr den Namen Brigan? Oder „den Torhüter“?“

Gorim wusste, wen er meinte.

„Ich weiß wenn ihr meint, ich habe ihn persönlich nie kennengelernt und weiß auch nichts über seinen verbleib.“

Mehr wusste er nicht.

Für diese Nacht war genug gesprochen.

–

Áinfean saß an Iraes Bett.

Die Heiler ließen sie dort sitzen.

Nicht allein.

Aber nah genug, um ihren Vater zu sehen.

Irae lag still.

Kühlender Schlamm bedeckte Stirn, Hals und Brust. An manchen Stellen stieg schwacher Dampf davon auf.

Sein Atem ging langsamer als zuvor.

Nicht ruhig.

Aber gleichmäßiger.

Barund kam immer wieder.

Prüfte Puls und Atmung.

Wechselte Tücher.

Erneuerte den Schlamm.

Áinfean hielt sich an ihr Wort.

Sie weckte Irae nicht.

Sie stellte keine Fragen.

Sie wachte.

Ardor suchte währenddessen in den Archiven.

Leon blieb in Earnan.

Er ruhte.

Ging durch die Hallen.

Hörte zu.

Und wartete.

Am nächsten Morgen erwachte Irae nicht.

Auch in der folgenden Nacht nicht.

In den Heilerkammern wurde gewartet.

In den Archiven wurde gesucht.

Erst am dritten Morgen veränderte sich etwas.

Ein Zucken der Finger.

Ein tieferer Atemzug.

Dann öffnete Irae langsam die Augen.

Er starrte an die dunkle Decke, als müsse er zunächst selbst begreifen, wo er war.

Dann bewegte er den Kopf.

Sein Blick fand Áinfean.

Blass.

Erschöpft.

Viel zu schwach für den Mann, den sie kannte.

Aber wach.

Seine Lippen bewegten sich.

Die Stimme war trocken und kaum mehr als ein Kratzen.

„Kaffee.“

–

Am nächsten Morgen holte man Leon.

Der Zwerg, der ihn zu den Heilerkammern brachte, sagte nicht viel.

Irae wollte ihn sehen.

Das genügte.

Als Leon den Raum betrat, saß Irae auf der Kante des Bettes.

Keine Rüstung.

Kein Mantel.

Neben ihm stand Tee.

Dass ihn bereits das Sitzen Kraft kostete, konnte er nicht vollständig verbergen.

Irae sah auf.

„Leonas Balthasar.“

Leon lehnte den Tee mit einer kleinen Geste ab.

Im Augenblick verlangte ihn nach nichts außer Antworten.

„Das stimmt wohl. Für gewöhnlich habe ich Namen und Titel längst wieder vergessen, bevor jemand mit seiner Vorstellung fertig geworden ist. Leon genügt völlig.“

Dann wurde sein Blick ernster.

„Es freut mich aufrichtig, Euch wach zu sehen.“

Leon erzählte ihm, weshalb er gekommen war.

Von der Grenze Hadriks.

Von „Flammenbruder“.

Von „Feuer und Asche“.

Von Sigra.

Von dem Einfluss, den er dort gespürt hatte.

Und davon, dass sein Element ihn gebeten hatte, denjenigen zu finden, bei dem der Kampf beginnt.

Irae hörte zu.

Leon sprach schließlich auch den Namen aus.

„Umbra.“

Für Irae war Dunkelheit nicht dasselbe wie Böse.

Das verstand Leon schnell.

Und so erzählte er weiter.

Von dem, was es ihm gezeigt hatte.

Von seinen Verlusten.

Von Yedira.

Von seiner Großmutter.

Von seiner Mentorin.

Von Menschen, die er nicht retten konnte.

Von Menschen, die er selbst hatte töten müssen.

„Er nahm alles, was mir etwas bedeutet, und legte den Finger genau dort hinein. Er wollte mir zeigen, dass jede Last sinnlos sei. Dass jeder Kampf am Ende doch nur weiteren Schmerz hervorbringt.“

Dann hatte der Feind ihm gesagt, dass es einfacher wäre, aufzugeben.

Leon hatte darauf nur eine Antwort gefunden.

„Das war sein Fehler.“

Ein schmales Schmunzeln.

„Ich bin ein viel zu sturer Bastard, um mich einfach hinzulegen und auf mein Ende zu warten.“

Irae hörte ihm zu.

Dann kamen sie zurück zu Sigra.

Zu Umbras Traum.

Zu dem Feuer.

Und zu demjenigen, der bleiben sollte.

Leon sagte ihm, was er daraus verstanden hatte.

„Ich glaube, dass sie mich bat zu bleiben.“

Nicht als Regent.

Nicht für Ruhm.

Als Wächter.

Als jemand, der über die Wunde wachte, nachdem sie gereinigt worden war.

Irae ließ ihn ausreden.

Dann sagte er:

„Ihr habt meine Rolle nicht falsch verstanden.“

Seine Finger lagen um den Becher.

„Ich bin derjenige, der brennen wird.“

Kein Stolz lag darin.

Keine Bitte um Mitleid.

„Ich weiß seit einiger Zeit, was getan werden muss. Ich weiß auch, was es kosten wird.“

Irae stellte den Becher beiseite.

„Aber Feuer allein rettet keine Stadt.“

Irae sah Leon direkt an.

„Sigra ist das direkte Tor nach Shan’A’Dera.“

Nicht nur ein Hafen.

Nicht nur der Zugang nach Esranyr.

Wer Sigra beherrschte, hielt einen Weg in den Händen, der weit wichtiger war als jede einzelne Stadtmauer.

Deshalb hatte Irae gewartet.

Er wusste, was er selbst tun würde.

Was ihm gefehlt hatte, war jemand für das Danach.

Also fragte er Leon.

Was er tun würde, wenn die Menschen, die er schützen wollte, ihn dafür hassten.

Wenn Händler versuchten, ihn zu kaufen.

Wenn Adlige drohten.

Wenn das Volk die alte Ordnung zurückforderte, weil sie zumindest vertraut war.

Wenn diejenigen, die Sigra befreiten, irgendwann selbst glaubten, sie könnten nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Und schließlich:

Was würde Leon tun, wenn sein Orden ihn zurückrief?

Leon antwortete nicht sofort.

Er sprach von den Kriegen, die er gesehen hatte.

Vom Preis des Wandels.

Von Ordnung und Chaos.

Von Verantwortung.

Vom Volk.

Und davon, dass man nicht nur die Mauern einer Stadt retten konnte und danach glauben durfte, die Arbeit sei getan.

„Wir müssen die Hände sein, die verbinden, wenn das Chaos sich gelegt hat.“

Er hielt kurz inne.

„Die bleiben…“

Noch ein Atemzug.

„…für das, was danach kommt.“

Seine Entscheidung, sagte Leon, sei bereits gefallen.

Nicht an diesem Tag.

Nicht in diesem Zimmer.

„Sondern an dem Tag, an dem ich nach Sigra gerufen wurde und mich entschied, nicht nach Hause zurückzukehren.“

Irae sah ihn lange an.

Man wurde nicht beinahe einhundertneunzig Jahre alt, ohne irgendwann zu erkennen, dass manche Dinge mehr waren als Zufall.

Vielleicht Schicksal.

Vielleicht etwas, das man selbst dazu machte.

Irae hatte längst selbst darüber nachgedacht, jemanden von außerhalb zu suchen.

Jemanden, der nicht Teil der alten Verhältnisse Sigras war.

Es gab noch einen Nachkommen der Königsfamilie.

Einen Anspruch auf Krone und Schwert Esranyrs.

Die Zwerge standen einem wiedervereinten Esranyr offen gegenüber.

Volaris würde schwieriger werden.

Ein Elf, der Leon vertraute, könnte dort von Bedeutung sein.

Leon nahm die Worte an, ohne so zu tun, als kenne er bereits die Antwort.

Dann fragte er nach Brigan.

Irae schüttelte den Kopf.

Er kannte ihn nicht.

Moira hatte er einmal gesehen.

Vor langer Zeit.

Gesprochen hatte er auch mit ihr nie.

Dann wurde Irae stiller.

Die Kraft, die ihn durch das Gespräch getragen hatte, ließ sichtbar nach.

Seine Hand ging an seine Seite.

Nur für einen Moment.

Doch Leon sah den Schmerz.

Irae wartete, bis er wieder ruhig atmete.

Dann kam er zu dem, weshalb er Leon wirklich hatte sprechen wollen.

Wenn es Leon ernst war, würde Irae darauf bauen, dass er die Menschen beschützte.

Aber Leon durfte nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden.

Nicht mit dem, was geschehen würde.

Nicht mit den Entscheidungen, die Irae getroffen hatte.

Leon sollte nach Port Sigra zurückkehren.

Zum alten Lotsenhaus am nördlichen Becken.

Dort sollte er nach Corven fragen.

Und ihm genau einen Satz sagen.

„Der Fährmann schickt die Verlassenen heim.“

Leon wiederholte die Worte.

„Der Fährmann schickt die Verlassenen heim.“

Unverändert.

Genau so würde er sie überbringen.

Irae hatte noch eine Bitte.

„Lasst die Wächter aus allem heraus. Besonders Ardor und Áinfean.“

Sie durften nichts von Corven erfahren.

Nichts von der Botschaft.

Was geschehen würde, war Iraes Entscheidung.

Sie sollten die Folgen nicht tragen.

Leon verstand.

Als er sich schließlich erhob, wirkte Irae müde.

Nicht die Müdigkeit einer schlechten Nacht.

Tiefe Erschöpfung.

Und Schmerzen, die er viel zu lange vor anderen verborgen hatte.

Leon verabschiedete sich.

Irae hielt ihn noch einmal zurück.

„Leon.“

Leon drehte sich um.

„Es geht mir nicht darum, ob Ihr scheitert.“

Irae sah ihn an.

„Es geht darum, was mein Handeln aus Euch machen kann, wenn Ihr zu früh damit in Verbindung gebracht werdet.“

Was kommen würde, würde Fragen aufwerfen.

Vielleicht Zorn.

Leon sollte danach noch in der Lage sein, Sigra zu schützen.

Ohne für Iraes Entscheidungen bezahlen zu müssen.

Dann ließ Irae ihn gehen.

–

Gorim wartete draußen.

Er sah kurz zur geschlossenen Tür.

Dann zu Leon.

„Was dort gesprochen wurde, gehört euch beiden.“

Er fragte nicht, worum es gegangen war.

Er verlangte keine Erklärung.

„Wenn du nach Port Sigra zurückkehren willst, sag mir Bescheid.“

Borun und Hark würden ihn begleiten.

Dieselben beiden, die ihn an der Grenze empfangen und nach Earnan gebracht hatten.

Bis dorthin würden sie bei ihm bleiben.

Von der Grenze aus würde dafür gesorgt werden, dass Leon Port Sigra sicher erreichte.

Er musste nur sagen, wann er abreisen wollte.

Leon stand noch einen Moment im Gang.

Hinter der Tür lag ein Mann, der wusste, dass seine Zeit zu Ende ging.

Vor ihm führte der Weg zurück nach Sigra.

Als Leon nach Hadrik gekommen war, hatte er nach Antworten gesucht.

Er hatte einige gefunden.

Andere waren nur größer geworden.

Doch nun besaß er etwas, das er bei seiner Ankunft nicht gehabt hatte.

Einen Ort.

Einen Namen.

Und sechs Worte, deren Bedeutung Irae ihm nicht erklärt hatte.

„Der Fährmann schickt die Verlassenen heim.“